24-Stunden-Rennen: Die Schlacht der Werke

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Im dritten Jahr der GT3 auf der Nordschleife blasen die großen deutschen Hersteller zur Attacke. Audi, BMW und Porsche schicken offizielle Werksabordnungen in die Grüne Hölle. Mercedes beteiligt sich zwar offiziell nicht werkseitig, schickt aber eine ganze Armada der brandneuen SLS AMG GT3 ins Rennen.

Selten war es so schwierig, einen einigermaßen verlässlichen Tipp auf den Gesamtsieg abzugeben, wie in diesem Jahr. Neben den Abordnungen der Werke haben sicherlich auch einige der privaten Teams gute Chancen über Konstanz und Zuverlässigkeit ganz weit nach vorne zu fahren.

Ein Blick auf die Favoriten.

Teil 1 – BMW

Die Titelverteidiger starten erneut mit dem M3 GT. In München setzt man also wieder auf die bewährte und langstreckenerprobte GT2-Technik. In Punkto Fahrerbesatzungen ist man bestens aufgestellt. Die Teams Müller / Farfus / Alzen / Lamy als Titelverteidiger und Priaulx / Müller / Werner / Adorf vereinen einen hohen Grundspeed mit Nordschleifen- und Langstreckenerfahrung. Das Einsatzgerät wurde über den Winter gründlich weiterentwickelt und im Gegensatz zum letzten Jahr, als man zwar etwas langsamer als die Konkurrenz unterwegs war und nur dank der Zuverlässigkeit siegte, sind die Bayern heuer auch beim Tempo ganz vorne mit dabei.

Neben den beiden Münchner Speerspitzen stehen auch noch fünf der überarbeiteten Z4 GT3 in der Startaufstellung. Vier davon kommen vom Team Need for Speed Schubert. Dörr Motorsport bringt den Wagen, der auch regelmäßig in der VLN startet. Wenngleich auch auf den Z4 einige gute Fahrer starten – besonders Tommy Millner hat wohl einige Nordschleifenexperten überrascht –  ist aber wohl keiner der GT3-Renner konstant stark besetzt. Außerdem wurden die Fahrzeuge mit den aktuellen Updates erst spät in der Saison ausgeliefert und könnten sicherlich noch einige Testkilometer gebrauchen. In diesem starken Feld sollten sie keine tragende Rolle im Kampf um den Gesamtsieg spielen.

Teil 2 – Audi

2010 waren die Herren der Ringe zunächst nicht zu stoppen. Vier Audis auf den ersten vier Startplätzen sprachen eine deutliche Sprache. Im Rennen eliminierten sich die Ingolstädter dann nach und nach selber. Am Ende betrieben Dennis Rostek, Luca Ludwig, Marc Bronzel und Markus Winkelhock als beste Audi-Besatzung auf Platz drei noch Schadensbegrenzung. Dieses Jahr soll alles besser werden. Sie Teams Abt und Phönix starten als offizielle Werksteams und auf Fahrerseite greift eine Mischung aus DTM-Power, GT-Masters Nachwuchs und Routine ins Steuer.

Einziger Wehrmutstropfen im Audi-Lager: Der in Le Mans spektakulär abgeflogene Mike Rockenfeller kann nicht am Rennen teilnehmen. Offenbar sind seine Verletzungen doch stärker als zunächst geglaubt und seine Genesung hat jetzt absolute Priorität vor weiteren Einsätzen. Zusammen mit Marc Basseng, Marcel Fässler und Frank Stippler hätte er im wahrscheinlich am stärksten besetzten Audi R8 gesessen und gute Chancen auf eine Top-Platzierung gehabt.

Mattias Ekström, Timo Scheider und Frank Stippler gaben beim letzten VLN-Lauf schon einmal einen kleinen Vorgeschmack auf die aktuelle Audi-Performance. Bei zugegeben eher spärlich besetzter Konkurrenz fuhren sie souverän den Gesamtsieg nach Hause. Auch beim vierten VLN-Lauf fuhren die R8 schon die schnellsten Rundenzeiten. Auch wenn bei den Läufen im Vorfeld der 24 Stunden viel gepokert wurde, spricht die Leistung der Audi-Mannschaft bislang eine deutliche Sprache. Man will es im dritten Jahr des Engagements auf der Nordschleife endlich wissen.

Teil 3 – Porsche

Letztes Jahr noch Außenseiter, diesmal Mitglied im engen Favoritenkreis. Nachdem einige der Top-Teams gestrauchelt waren lag der Hybrid-Elfer bis zur 22. Rennstunde in Führung. Im vierten VLN-Lauf vor drei Wochen gelang dann der erste Renn-Sieg für den Technologie-Träger, den Porsche gerne das „Rennlabor“ nennt.

Die Armada der zahlreichen Porsche wird, wie immer, das Bild der ersten Startgruppe prägen. War es zuletzt immer wieder möglich mit einer konstanten Leistung in einem Cup-Porsche ganz weit nach vorne zu fahren, dürfte dies im starken Feld der diesjährigen Ausgabe eher unwahrscheinlich sein. Auch nordschleifenerprobte Teams wie Jürgen Alzen Motorsport, Frikadelli Racing oder das Wochenspiegel Team, um nur einige zu nennen, werden sich gegen die Werks-Equipen schwer tun. Nichtsdestotrotz werden gerade die Kleinen alles geben und warum soll nicht noch einmal eine Sensation glücken wie 1988, als der legendäre Edgar Dören den Kampf gegen die Werke aufnahm und gewann?  

Auch wenn diese Option recht unwahrscheinlich ist, sehen die Chancen für Porsche nicht schlecht aus. Neben dem Hybrid kommen zahlreiche gut besetzte Zuffenhausener Sportwagen mit konventioneller Antriebstechnik zum Einsatz. Das größte Fragezeichen steht aber hinter der Porsche Speerspitze und das Thema wird sicherlich genug Stoff für Diskussionen und Spekulationen über die gesamte 24H-Woche bieten.

Der alte Nordschleifenfuchs Olaf Manthey hat seine Top-Mannschaft mit Marc Lieb, Lucas Luhr, Romain Dumas und Timo Bernhard sowohl auf einem GT3R als auch auf dem alten GT3 RSR gemeldet. Möglicherweise geht das Team sogar mit beiden Wagen ins Rennen um dann auszuloten, welches Konzept die besseren Chancen hat. Beim Testlauf in der VLN glänzte der RSR mit einem ähnlich geringen Verbrauch, wie der Hybrid. Auch wenn der Tankinhalt des RSR durch die Technikkommission auf 110 Liter reduziert wurde, könnten der Verbrauch und die Zuverlässigkeit den Ausschlag zugunsten des ausgereiften RSR geben. In der Nacht und beim Überrunden sollte der RSR dank seines GT2-typischen hohen Kurventempos ebenfalls seine Vorteile haben.

Teil 4 – Mercedes

Wenngleich die Marke mit dem Stern nicht werksmäßig antritt, wird man mit sage und schreibe neun der Sternenkrieger einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bislang hat der SLS noch kein ernsthaftes 24H-Rennen bestritten, sodass es noch keine Erkenntnisse über die Langstreckentauglichkeit des Flügeltürers gibt. Da Mercedes den SLS aber aus Kostengründen mit vielen Teilen aus der Serienproduktion gebaut hat, kann man eigentlich von einer guten Langstreckentauglichkeit ausgehen.

Vom reinen Speed her ist man in der GT3 (Sp9)-Klasse gut aufgestellt. Armin Hahne und Chris Mamerow konnten im SLS den zweiten VLN Lauf gewinnen und gerade hat Anthony Kumpen im Qualifying zum Belcar-Lauf in Spa die schnellste bislang gefahrene Zeit eines GT3 in den Asphalt der Ardennen-Achterbahn gebrannt. Hahne / Mamerow haben sich für die Hatz zweimal rund um die Uhr Pierre Kaffer als Verstärkung ins Boot geholt und gelten so als Stärkste der SLS-Mannschaften.

Teil 5 – Die Exoten

Horst Farnbachers Team gelang 2010 die Sensation. Hinter dem siegreichen Werks-BMW holte das kleine Privatteam den zweiten Platz im Ferrari F430 GT2. Heuer geht die sympathische Mannschaft mit einem brandneuen F458 Italia an den Start. Erneut setzt man auf bewährte Langstreckentechnik. Der Wagen war am vergangenen Wochenende in Le Mans im Einsatz und wird nun in der heimischen Werkstatt auf seinen nächsten Langstreckeneinsatz vorbereitet.

Ebenfalls auf Ferrari GT2-Technik setzt man bei der Scuderia Cameron Glickenhaus. Allerdings hat der P4/5 nicht mehr allzuviel mit seinem Technik-Spender gemeinsam. Der amerikanische Filmproduzent James Glickenhaus hat sich den Exoten nach seinen Vorstellungen bauen lassen. Leider hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Sitzposition nicht besonders gut mit der Anordnung der Scheinwerfer harmoniert, sodass man in der Nacht wohl mehr oder weniger im Blindflug unterwegs sein wird.

Gazoo Racing kommt, wie in den beiden letzten Jahren, mit zwei LF-A. Zuletzt konnte man mit einer rein japanischen Besatzung in der VLN auf Platz fünf fahren. Neben dem Farnbacher Ferrari gelten die sehr professionell auftretenden Japaner zum engeren Favoritenkreis im Kampf um den Klassensieg der SP8. Ebenfalls in der SP8 startet der Aston Martin V12 Zagato. Der Schönling wird im Fahrerlager die Blicke der Fans auf sich ziehen. Im Kampf um den Sieg wird er eher nicht mitreden können.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum VW Golf. Volkswagen hat einen extrem hochgezüchteten Golf zum 35 Jährigen Jubiläum des Kult Kompaktwagens auf die Räder gestellt. Nach den ersten Einsätzen in der VLN machten Onboard-Videos die Runde, auf denen zu sehen ist, dass der Allradler in kurvigen Streckenabschnitten durchaus mit der Konkurrenz aus dem GT-Lager mithalten kann. Sollte es beim Rennen regnen, werden die guten Besatzungen der Golfs ihren 4WD-Vorteil zu nutzen wissen.