Toyota hat endlich den Nachweis geführt, auch starke Gegner bei den 24 Stunden von Le Mans bezwingen zu können. Kamui Kobayashi, Mike Conway und Nyck de Vries gewannen die diesjährige Auflage nach eintägigem Kräftemessen mit BMW und Cadillac – und holten den sechsten Sieg an der Sarthe.
Endlich! Toyota hat den Beweis erbracht, auch in einem wettbewerbsstarken Teilnehmerfeld, die 24 Stunden von Le Mans siegreich beenden zu können. In einem kräftezehrenden und über die gesamte Renndistanz andauernden Wettstreit mit den Abordnungen der Bayerischen Motorenwerke und Cadillac ging der Konstrukteur aus Fernost schlussendlich als Gewinner der diesjährigen Ausgabe der Prestigeveranstaltung im Département Sarthe hervor.
Die Siegertrophäe hielten am Sonntagnachmittag Kamui Kobayashi, Mike Conway und Nyck de Vries, welcher erstmals in Le Mans die höchster Podeststufe erstieg, in den Händen. Dahingegen mussten die Stallgefährten Sébastien Buemi, Ryō Hirakawa und Brendon Hartley, welche ebenfalls während einem Gutteil der Wettbewerbsdauer ihre Siegchancen aufrechterhielten, mit dem Bronzerang vorliebnehmen. Gleichwohl wertete die Bronzeplatzierung das Ergebnis nochmals auf.
Toyota feierte nämlich seinen nunmehr sechsten Gesamtsieg in der Veranstaltungshistorie, und erstmals musste sich der Automobilbauer aus Japan gegen namhafte Mitbewerber behaupten. Denn seine bisherigen Erfolge hatte Toyota zum Ende der LMP1-Periode eingefahren, nachdem Audi und Porsche ausgestiegen waren, weshalb nur noch Privatteams zurückgeblieben waren. In der LMH-Kategorie besiegte Toyota jetzt einen Mob von sieben Konstrukteuren.
Toyota taktiert sich zu Anfang nach vorne
Bereits in der Frühphase der eintägigen Wettfahrt auf dem Circuit de la Sarthe beförderte sich Toyota mit einer devianten Strategie aus dem Hinterfeld der LMH-Prototypen im Klassement empor. Denn Gazoo Racing fasste den Entschluss, seine beiden Piloten – zunächst Conway, dann Buemi – bereits nach acht und neun Umläufen zum Tankstopp an die Box zu beordern, um dem dichten Verkehr der Anfangsphase zu entrinnen.
Diese Vorgehensweise zeitigte partiellen Erfolg: Buemi eroberte dank dieser taktischen Entscheidung nach den Boxenstopps der Konkurrenz die Führung und baute seinen Vorsprung aus, während sich Conway nur auf den fünften Rang nach vorne katapultierte. Letztgenannter war daraufhin außerstande, weitere Plätze gutzumachen. Obendrein musste sein Markenkollege de Vries, welcher das Lenkrad anschließend übernahm, mit einem schleichenden Plattfuß außerplanmäßig die Box anfahren.
Fortan kämpfte die Besatzung mit der Startnummer acht im Fernduell mit der Cadillac-Armada und W Racing Team um die Führung, während die Stallgefährten mit der Starnummer sieben darangingen, den Rückstand auf die Spitzengruppe zu verringern. Dabei gereichte den Verfolgern eine Safety-Car-Phase eine knappe halbe Stunde vor Mitternacht zum Vorteil. Durch diese Neutralisation rückte die Siebenerbesatzung wieder ein in die Riege der Siegesanwärter.
Buemi hält Kobayashi den Rücken frei
Als Hauptkonkurrent hatte sich unterdessen die BMW-Einsatzmannschaft des W Racing Teams herausgestellt. Allerdings hegten nicht Kevin Magnussen, Raffaele Marciello und Dries Vanthoor, die von der Poleposition losgefahren waren, Hoffnungen auf den Le-Mans-Pokal; denn diese waren nach einem Reifenschaden nach einer Kollision im Überrundungsverkehr und infolge eines technischen Defektes ausgeschieden. Stattdessen übten deren Teamkollegen Robin Frijns, René Rast und Sheldon van der Linde Druck auf Toyota au.
Eine weitere Safety-Car-Phase sowie eine Full-Course-Yellow-Unterbrechung am Sonntagmittag schufen schließlich die Voraussetzung für den finalen Showdown. Dabei verschaffte sich die Besatzung mit der Startnummer sieben einen Vorteil, indem de Vries unter streckenweitem Gelb einen zehnsekündigen Notfallstopp einlegte, wodurch das anschließende Nachtanken bei grüner Flagge schneller vonstatten ging als bei der Startnummer acht.
Vorübergehend okkupierte Toyota sogar eine Doppelführung, ehe sich ungefähr anderthalb Stunden vor dem Fallen der Zielflagge diese Konstellation ergab: Kobayashi führt das Rennen mit frischen Reifen an und befolgte die Aufforderung des Kommandostandes, sich bestmöglich abzusetzen. Dahinter musste sich Buemi mit alten Reifen gegen den herannahenden Frijns verteidigen; Buemi fiel nun die Aufgabe zu, Frijns mit alle zu Gebote stehenden Mitteln von seinem vorne liegenden Markenkollegen fernzuhalten.
10,913 Sekunden Vorsprung beim Zieleinlauf
Mit Erfolg: Obschon Frijns sich irgendwann an Buemi, welcher beim darauffolgenden Boxenstopp noch einmal neue Reifen montieren ließ, vorbei bugsierte, vermochte der BMW-Athlet nicht mehr, den Spitzenreiter einzuholen. Beim Zieleinlauf betrug der Abstand lediglich 10,913 Sekunden zwischen den Gewinnern im Toyota-Cockpit und den Zweitplatzierten am BMW-Steuer. Auch Buemi war in der Lage, noch einmal auf 9,504 Sekunden auf den BMW-Vordermann heranzufahren.
Derweil erbrachte auch Cadillac eine bärenstarke Leistung. Allerdings setzten dem GM-Hersteller die hohen sommerlichen Temperaturen in der Region Pays de la Loire zu. Tagsüber mussten Jota Sport und Wayne Taylor Racing harte Reifenmischungen aufsetzen, während die Konkurrenz Mediums nutzte; des Nachts ließ Cadillac allerdings mit schnellen Rundenzeiten mit weichen Pneus sein Potenzial aufblitzen – insbesondere Jota Sport war daher bis zur Endphase ein Siegeskandidat bei den diesjährigen 24 Stunden von Le Mans.
Letzten Endes mussten Louis Delétraz, Will Stevens und Norman Nato als bestplatzierte Cadillac-Piloten mit dem vierten Platz vorliebnehmen. Demgegenüber mussten die Jota-Sport-Stallgefährten Sébastien Bourdais, Earl Bamber und Jack Aitken den Wettkampf an der Sarthe wegen eines Defektes an der Servolenkung aufgeben. Filipe Albuquerque sowie Rick und Jordan Taylor – für Wayne Taylor Racing im Einsatz – wurden Gesamtneunte.
Ferrari muss Niederlage akzeptieren
Nach den drei aufeinanderfolgenden Siegen in den zurückliegenden Jahren musste Ferrari in diesem Jahre eine Niederlage hinnehmen. Immerhin: Alessandro Pier Guidi, James Calado und Antonio Giovinazzi komplettierten wenigstens die besten Fünf. Die Besatzung des Schwesterfahrzeugs – Antonio Fuoco, Nicklas Nielsen und Miguel Molina – rollten während der zweiten Safety-Car-Phase mit Elektronikproblemen in der Tertre Rouge aus – zuvor musste das AF-Corse-Trio in der Nacht wegen eines kaputten Feuerlöschers außerplanmäig an der Box halten.
Die Vorjahressieger – Robert Kubica, Yifei Ye und Phil Hanson – wurden Siebenter. Indes erreichte Alpine bei seiner Abschiedsvorstellung in Le Mans ein zufriedenstellendes Resultat. Antonio Felix da Costa, Charles Milesi und Ferdinand Habsburg belegten den sechsten Platz; Fréderic Makowiecki, Jules Gounon und Victor Martins beendeten die Ein-Tages-Kraftprobe im Nordwesten Frankreichs an zehnter Stelle.
Das beste Aston-Martin-Ergebnis erzielten Harry Tincknell, Tom Gamble und Ross Gunn, welche den Zielstrich an achter Position kreuzten. Die Stallgefährten Alex Riberas, Marco Sørensen und Roman De Angelis wurden nur Vierzehnte. Obwohl Peugeot an diesem Wochenende de facto chancenlos war, erreichten die Löwen zumindest mit bei den Hypersportwagen das Ziel am Sonntagnachmittag.
Intereuropol Competition feiert Doppelsieg
Im internen Duell besiegten Loïc Duval, Malthe Jakobsen und Théo Pourchaire letztlich Stoffel Vandoorne, Paul di Resta und Nick Cassidy. Beim Debüt auf dem Circuit de la Sarthe brachte Genesis Magma Racing einen der beiden eingesetzten LMH-Prototypen ins Ziel. Ins Lenkrad griffen Mathieu Jaminet, Paul-Loup Chatin und Daniel Juncadella, die Dreizehnte wurden. Dementgegen fielen André Lotterer, Luís Felipe „Pipo“ Derani und Mathys Jaubert mit einem Aufhängungsschaden aus.
In der LMP2-Klasse feierte Intereuropol Competition einen Doppelerfolg. Den Sieg trugen die Oreca-Piloten Tom Dillmann, Jakub Smiechowski und Nick Yelloly davon. Die Silbermedaille hängten sich Reshad de Gerus, Bijoy Garg und Nico Müller um. In der GT3-Klasse gewann der Corvette-Rennstall TF Sport – mit Nicky Catsburg, Jonny Edgar und Ben Keating, welche sich am Steuer abwechselten.
Die FIA World Endurance Championship pausiert nun einen Monat, ehe die nächste Saisonstation in São Paulo auf dem Fahrplan steht. Anschließend gastiert die Langstreckenmeisterschaft auf dem Circuit of The Americas in Austin und am heiligen Berg Fuji. Die letzten beiden Saisonläufe finden in Katar und Bahrain statt, sofern die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten in Bälde enden.


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