Silverstone: Wer bietet Weltmeister Porsche die Stirn?

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Sind Toyota und Audi in der Lage, Weltmeister Porsche in Silverstone bereits Paroli zu bieten? | © Daniel Schnichels

Zweifelsohne beansprucht Porsche beim WM-Auftakt in Silverstone die Favoritenposition. Schließlich gab die Weissacher Abordnung schon bei den Vorbereitungen den Takt vor. Sind Toyota und Audi in der Lage, den Weltmeister in Bredouille zu bringen? „In diesem Jahr sind die Karten neu gemischt“, vermeint Wolfgang Ullrich.

Fraglos fußt die Diskussion um die Favoritenfrage zu Saisonbeginn mitunter auf Mutmaßungen, meistenteils auf verzeichneten Testergebnissen. Dennoch bezieht Weltmeister Porsche in diesem Jahr – weiterhin – ohne jeden Zweifel die Stellung des Favoriten im Oberhaus des Langstreckensports. Dies stellt auch die Chefetage in Weissach keineswegs in Abrede. „Mit dem WM-Auftakt beginnt die Titelverteidigung“, bekräftigt Einsatzleiter Fritz Enzinger im Hinblick auf das Eröffnungsrennen in Silverstone.

Schließlich trat Porsche bereits beim WM-Prolog als Taktgeber hervor. Die Werksdelegation aus Stuttgart-Zuffenhausen beendete die Einstellfahrten mit einer mustergültigen Bilanz: fünf Bestzeiten in fünf Sitzungen. „Unabhängig vom tatsächlichen Rennausgang soll sich der neue 919 Hybrid als siegfähiges Auto präsentieren“, formuliert Enzinger daher die Maßgabe. „Das muss unser Anspruch sein und nach den intensiven Testfahrten sind wir zuversichtlich, ihn erfüllen zu können.“

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Die Rundenzeiten des WM-Prologs untermauerten ebenfalls, inwieweit Porsche gewillt ist, seinen Titel in der Langstrecken-WM zu verteidigen. Im Endklassement unterbot der süddeutsche Konstrukteur seine Widersacher um ungefähr eine Sekunde. Daher drängt sich die Kardinalfrage auf: Sind Toyota und Audi in der Lage, den Status des Branchenprimus anzufechten? Zumal man sich im Vorjahr des Eindrucks nicht verschließen konnte, die Hierarchie der Werke sei gleichsam zementiert.

Wolfgang Ullrich: „In diesem Jahr sind die Karten neu gemischt“

Die Marke mit den vier Ringen begegnet der Ausgangslage mit Besonnenheit. „In diesem Jahr sind die Karten neu gemischt“, betont Audi-Motorsportchef Doktor Wolfgang Ullrich langmütig. „Alle Hersteller sind mit neuen Rennwagen am Start. Der Audi R18 hat mit seinem Vorgänger fast keine Schraube mehr gemeinsam. Noch kennt niemand die neuen Kräfteverhältnisse. Der Auftakt in Silverstone ist die erste Standortbestimmung.“

Diese Abgeklärtheit erregt ein Stück weit Verwunderung, da Audi bei den Vorbereitungsfahrten im März einigermaßen desolat auftrat. Nach technischen Ungereimtheiten sah sich das Ingolstädter Gespann gezwungen, die Funktionsprüfung ersatzweise mit einem anderen Chassis fortzuführen. Letzten Endes war Audi außerstande, den Rückstand auf Konzernbruder Porsche auf unter eine Sekunde zu verkürzen. Nur ein Intermezzo? Oder ein ernstliches Problem?

Derweil brennt Toyota nach der Malaise in der zurückliegenden Saison auf Revanche. Hastete die TMG-Equipe zuletzt hoffnungslos hinterher, war die Nippon-Marke bei der vorläufigen Standortbestimmung in Le Castellet zumindest in der Lage, sich als zweitstärkste Kraft im Konzert der Hersteller zu behaupten. „Ich bin froh, dass die WM-Saison endlich beginnt“, äußert sich Teamchef Toshio Sato angesichts der verheißungsvollen Testergebnisse.

Sato: „Ich glaube, wir werden nun wieder ganz vorn mitmischen“

Verdrängt Toyota womöglich Audi in der Hackordnung der Werke? „Wir haben 2015 ein schwieriges Jahr durchlebt und seit dem letzten Saisonlauf des Vorjahres sehe ich dem Renndebüt unseres TS050 Hybrid ungeduldig entgegen. „Es ist ein brandneues Auto, also erwarten wir noch Steigerungen in Sachen Leistung und Zuverlässigkeit“, urteilt Sato. „Aber ich glaube, wir werden nun wieder ganz vorn mitmischen.“

Beim letztjährigen Sechs-Stunden-Rennen in der Grafschaft Northamptonshire entbrannte ein regelrechter Wettstreit der Konzepte. Trumpfte Porsche mit seinem Leistungsplus namentlich auf den Geradeauspassagen auf, konterte Audi in den kurvigen Abschnitten auf dem Silverstone Circuit. Dank Stehvermögen und schonenderem Umgang mit den Reifen obsiegte schlussendlich die Mannschaft aus Neuburg an der Donau.

In diesem Jahr schickt sich Porsche jedoch an, während der Saison den unterschiedlichen Streckencharakteristika Genüge zu tun – in Form dreier Aerodynamik-Spezifikationen. Diese Vorgehensweise findet ihren Niederschlag bereits beim Auftaktlauf in Silverstone. „Erstmals starten wir in Silverstone mit einem Aero-Paket, das den Hochgeschwindigkeitskurven mit viel Abtrieb Rechnung trägt“, erklärt Teamchef Andreas Seidl. „In den Vorjahren hatten wir mit Rücksicht auf Le Mans dafür keine Ressourcen.“