Saison 2016: Expansion, Generationskonflikt und Zwietracht am Ring?

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Umstrittene Expansion in der Langstrecken-WM, Generationskonflikt in der GT3-Klasse?Außerdem im Brennpunkt: Zwietracht am Ring. SportsCar-Info gewährt zu Jahresbeginn einen Ausblick auf die bevorstehenden Sportwagen- und Langstreckensaison 2016.

ACO und FIA schreiten selbstbewusst voran. Die Veranstalter der Langstrecken-WM beabsichtigen, in der Saison 2016 zu expandieren und fügen dem Veranstaltungskalender einen neunten Lauf hinzu. Wer will es den Verantwortlichen in Le Mans und Paris verdenken? Eventuell die Teilnehmer – auch die zahlreichen Werke. Schließlich verfügen auch die Hersteller über keine unversieglichen Budgets, vielmehr agiert ein Gros bereits am Limit.

Daher nahm manche Chefetage wunder, als die Organisatoren den Zusatztermin im Sommer bekannt gaben. Zumal die Regelhüter eigentlich diverse Maßnahmen ergreifen, um insbesondere die steigenden Kosten der LMP1-Oberklasse einzudämmen. Dennoch bestätigte die Endurance-Kommission der FIA in der Adventszeit ihr Vorhaben final. Folglich umfasst der Terminplan der Langstrecken-WM künftig neun Begegnungen – plus Prolog und Le-Mans-Test.

Schauplatz der weiteren Sechs-Stunden-Wettfahrt: Mexiko-Stadt. Austragungsstätte: das Autódromo Hermanos Rodríguez, welches die FIA in der vergangen Saison auch wieder in den Formel-1-Kalender aufnahm. Dafür sind die traditionellen Vorbereitungsfahrten auf dem Circuit de la Sarthe ausschließlich geladenen Gästen vorbehalten – nämlich denjenigen, die auch beim 24-Stunden-Traditionsrennen im Nordwesten Frankreichs teilnehmen.

Interkontinentaler Wettstreit für GT-Werke

Währenddes gerät auch die GTE-Pro-Liga nach und nach in den Fokus. Zwar verlässt Porsche die Klasse werksseitig, ermöglicht Proton Competition aber den Aufstieg in die Profiwertung. Ferner debütiert Ford in der Langstrecken-WM. Gemeinsam mit den arrivierten Konstrukteuren Ferrari und Aston Martin bahnt sich folglich ein Vierkampf um die GT-Krone an. Private Einsätze mit den Marken Corvette und Dodge Viper sind noch mit einem Fragezeichen markiert.

Apropos Gran Turismo: Auch GT-Mogul Stéphane Ratel trachtet nach Expansion. Anlässlich seiner traditionellen Pressekonferenz, die wegen Verzögerungen bei den Planungen am Nürburgring stattfand, verkündete dessen SRO-Gruppe, in Zukunft eine Intercontinental GT Challenge auszurichten. Der Wettbewerb fügt sich aus dem Zwölf-Stunden-Rennen in Bathurst, den 24 Stunden von Spa-Francorchamps, einem neuen Sechs-Stunden-Lauf in Austin sowie den Zwölf Stunden von Sepang zusammen.

Um sich aus dem Dilemma einer kostenträchtigen Weltmeisterschaft zu entwinden, hat Ratel jedoch ein originelles Modell konzeptualisiert. Anstatt eine Wertung für festeingeschriebene Saisonstarter einzurichten, gewähren die Hersteller den lokalen Rennställen auf den vier Kontinenten werksseitige Unterstützung. Auf diese Weise sammeln die Konstrukteure mit ihren Einsatzmannschaften jeweils Punkte, sparen aber die Transportkosten nach Australien, Europa, Nordamerika und Asien.

Generationskonflikt in der GT3-Branche?

Ist die bevorstehenden Sportwagen- und Langstreckensaison 2016 also vordergründig durch Expansionen gekennzeichnet? Nicht nur. Ein weiteres Thema polarisierte schon die zurückliegenden Monate: der Generationswechsel in der GT3-Kategorie. Der Audi R8 LMS und der Lamborghini Huracán GT3 debütierten bereits in der letzten, der McLaren 650S GT3 sogar schon in der vorletzten Saison. Dammbruch droht allerdings erst im nächsten Jahr.

Etliche Hersteller drängen mit ihren Neuentwicklungen auf den Markt: BMW M6 GT3, Corvette C7.R GT3, Ferrari 488 GT3, Mercedes-AMG GT3 und Porsche 991 GT3 R. Überdies offerieren manche Automobilbauer ebenso Modifikationen zur Aufrüstung. Damit gehen erwartungsgemäß wachsende Kosten einher, weshalb die ein oder andere kleinere Mannschaft auch mit einem Jahreswagen startet. Ist der Generationskonflikt vorprogrammiert?

In der Menge an Bestellungen schlägt sich dies nicht nieder. Sowohl Audi als auch Porsche brüsten sich bereits mit Anfragen en masse, weshalb die Marke mit den vier Ringen gar den Entschluss fasste, die Produktion aufzustocken. Gleichwohl fahren einige Teams zweigleisig, starten parallel mit zwei Modellgenerationen. Alles in allem wirkt sich dies offenbar positiv auf die Starterzahlen aus. Vorerst.

Das ADAC GT Masters machte schon zum Jahresende publik: Sämtliche achtundzwanzig Startplätze sind vergeben – lediglich sechs Sondernennungen sind noch für die gesamte Saison möglich. Ansonsten bleibt nur die Option eines Gaststarts. Auch beim Wintertest der IMSA SportsCar Championship, deren GTD-Division fortan GT3-Sportwagen vorbehalten ist, war in Daytona ein mannigfaltiges Markenaufgebot zugegen.

Obendrein wittert auch der ACO seine Chance. In Abstimmung mit der FFSA veranstaltet der Automobilklub des Westens in der nächsten Saison den Le Mans GT3 Cup – einige Equipe kokettieren bereits mit einem Start. Im Gegenzug verbannte der ACO jedoch die GT3-Gefährte aus der Europäische Le-Mans-Serie, welche sich wiederum dank der LMP3-Prototypen im Aufwind befindet. Ebenfalls mit von der Partie: Jürgen Alzen und Artur Deutgen.

Zwietracht im Schatten der Nürburg

Unter einem Unstern stehen dagegen die Entwicklungen in der Eifel: Es herrscht Zwietracht zwischen dem DMSB und den Aktiven auf der Nürburgring-Nordschleife. Zwischen den Jahren entbrannte ein Konflikt zwischen dem Präsidium des Motorsportbundes und der Fahrer AG – einem beratenden Expertengremium, das sich nach dem tödlichen Unfall beim Auftakt zur VLN-Langstreckenmeisterschaft formierte.

Erisapfel des Zerwürfnisses: die Code-60-Regelung sowie das bürokratische Verfahren zum Erwerb der Zusatzlizenz. Zum Saisonende formulierte die Fahrer AG unter Federführung Dirk Adorfs drei Empfehlungen an das DMSB-Präsidium. Das leitende Gremium in Frankfurt am Main ignorierte die Vorschläge jedoch und hatte der Fahrer AG somit den Fehdehandschuh ins Gesicht geschleudert. Diese reagierte postwendend und distanzierte sich vom DMSB-Maßnahmenpaket.

In der letzten Woche des Jahres konstituierte sich schließlich ein Zusammenschluss verschiedener Teams, die sich am Fuße der Nürburg engagieren: die Interessengemeinschaft Langstrecke Nürburgring, initiiert von Olaf Manthey. Der Verein droht mit einem Boykott bei der VLN und dem 24-Stunden-Rennen, sofern der DMSB von seinem Kurs nicht abweicht. Damit begeben sich die Beteiligten in unsichere Fahrwasser am ohnehin kriselnden Ring. Fortsetzung folgt.