Spa 24: Ende der BMW-Odyssee im Langstreckensport

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Marc VDS Racing hat die allerletzte Chance genutzt: Die Werksmannschaft beendete bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps die BMW-Odyssee im Langstreckensport – ein Sieg über die Ein-Tages-Distanz. Titelverteidiger Audi holte Silber und Bronze, Rowe Racing ließ den Mercedes-Benz-Stern glänzen.

Am Sonntagnachmittag endete für BMW die Odyssee der vergangenen Jahre. Obschon die Bayrischen Motorenwerke sich seit Anbeginn der GT3-Ära als Dauerfavorit etablierten, blieb deren Einsatzmannschaften im Langstreckensport gleichermaßen glücklos wie erfolglos. Jedoch beendete Marc VDS Racing diese Malaise beim Heimspiel im Hohen Venn: Nick Catsburg, Lucas Luhr und Markus Palttala triumphierten bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps.

Damit errang Marc VDS Racing einesteils den zweiundzwanzigsten Erfolg für BMW bei der Traditionsveranstaltung in den Ardennen, bezwang anderenteils Branchenprimus und Titelverteidiger Audi. Die Landsmänner des W Racing Teams reklamierten letzten Endes den Silberrang für sich, die Markenkollegen von Phoenix Racing erklommen wiederum die unterste Stufe des Podiums. 

Angesichts des Erfolges am vergangenen Wochenende herrscht offenkundige Erleichterung bei BMW Motorsport. Denn Marc VDS Racing nutzte die allerletzte Chance, mit dem BMW Z4 GT3 einen prestigeträchtigen Sieg über die Ein-Tages-Distanz davonzutragen, ehe im nächsten Jahr der Generationswechsel erfolgt. Daher gratulierte die Chefetage freudentrunken zu diesem „lang ersehnten, hochverdienten Triumph“ bei der Machtprobe in Spa-Francorchamps. 

Damit gelang die Mission schließlich doch. „Beim Heimspiel in Spa-Francorchamps zu gewinnen, so lautete das große Ziel des gesamten Teams seit einigen Jahren“, kehrt BMW-Motorsportchef Jens Marquardt hervor. „Seit Jahren liefert Marc VDS absolute Spitzenleistungen ab und war stets in der Lage, um Topresultate zu kämpfen, nur für den Sieg hatte es hier bisher, teils denkbar knapp, nicht gereicht.“

Rowe Racing führt nach Safety-Car-Wirren

Um die Siegertrophäe schlussendlich gen Himmel zu stemmen, musste Marc VDS Racing jedoch eine Tour de Force durch den Ardenner Wald vollstrecken. Ein Aufruhr der Elemente beeinträchtige den Wettbewerb während der Anfangsphase am Samstag; obendrein startete die BMW-Equipe im Mittelfeld der Pro-Am-Spitzenklasse – keineswegs eine ideale Ausgangslage, um das formulierte Ziel zu erreichen. 

Erwartungsgemäß regierte aufgrund des Unwetters das Chaos auf dem Ardenner Traditionskurs. Das Safety-Car neutralisierte das Teilnehmerfeld wieder und wieder – es war lediglich eine Frage der Zeit, bis die Anzahl der Gelbphasen in den zweistelligen Bereich stiegen. Dominierte nach den ersten Umläufen noch McLaren mit seinem Werksgespann Von Ryan Racing den Wettstreit, profitierte letztlich eine AMG-Delegation von den tumultuarischen Vorgängen. 

Nach den Wirren durch die Safety-Car-Unterbrechungen führte wider Erwarten Rowe Racing das Klassement bei Einbruch der Dunkelheit an. Überdies setzten sich die VLN-Stammstarter auch im weiteren Verlauf positive in Szene: Die Wormser Mineralölmarke ließ den Mercedes-Benz-Stern zu nächtlicher Stunde glänzen. Denn Rowe Racing behauptete über weite Strecken die Spitzenposition bei den Spa 24. 

Im Morgengrauen entfachte schließlich ein strategischer Dreikampf zwischen den deutschen Herstellern: Audi, BMW und Mercedes-Benz. Bedingt durch die unterschiedlichen Boxenstoppzyklen, rotierten Rowe Racing, Marc VDS Racing und das W Racing Team am oberen Ende des Tableaus. Aus stochastischer Perspektive befand sich zu ebenjenem Zeitpunkt, als stellenweise Nebelschwaden die Ardennen umhüllten, allerdings die bayrisch-wallonische Mannschaft in der günstigsten Position.

Marc VDS Racing verliert eine Besatzung nach Motorschaden

Denn Marc VDS Racing rangierte mit beiden Besatzungen unter den besten Fünf, wogegen die Erzrivalen des W Racing Teams bereits am Samstagabend ihre Erfolgschancen reduzierten. Vorjahressieger Laurens Vanthoor verunfallte in der Kurvenkombination Stavelot, woraufhin der Lokalmatador vehement in die Streckenbarriere einschlug. Damit verblieben Frank Stippler, Nico Müller und Stéphane Ortelli als Hoffnungsträger im WRT-Lager. 

Technische Ungereimtheiten dezimierten das Führungsquartett allerdings: Eine defekte Lichtmaschine beförderte Rowe Racing ins Hintertreffen. Bis dato leisteten Nico Bastian, Stef Dusseldorp und Daniel Juncadella formidable Arbeit – am Ende erreichte das Trio das Ziel an sechzehnter Stelle. Hinfort fochten folglich nur noch die Hauptfavoriten Marc VDS Racing und W Racing Team um den Pokal beim Ardennen-Marathon.

Dann ein Schockmoment: Maxime Martin, Augusto Farfus und Dirk Werner fielen einem Motorschaden anheim. Damit waren die Stallgefährten auf sich allein gestellt. Sollte Marc VDS Racing abermals dasselbe Schicksal erfahren, die Fallhöhe eines Favoriten spüren? Obwohl das BMW-Ensemble im Begriff war, seine Führungsrolle zu festigen, stellte das Safety-Car noch einen unberechenbaren Faktor dar. 

Denn die Strategen am Kommandostand standen Gewehr bei Fuß, die Taktik entsprechend der Gelbphasen zu modifizieren. Der unentwegt variierende Abstand zwischen BMW und Audi wäre auf diese Weise womöglich egalisiert worden. Aber Marc VDS Racing war Fortuna letztlich hold und beendete in elfter Stunde die Endurance-Misere; das W Racing Team musste sich geschlagen geben. Im Abschlussklassement betrug der Rückstand über eine Minute. 

Bas Leinders: „Wir sind wie eine Familie“ 

Nach einem Jahrfünft zeitigte die Kooperation zwischen Marc VDS Racing und BMW Motosport schließlich auch bei den Spa 24 Erfolg. „Wir sind als Team über die Jahre zusammengewachsen und haben unsere Linie immer beibehalten“, beschreibt Teamchef Bas Leinders die Zusammenarbeit. „Achtzig Prozent der Leute sind seit fünf Jahren in unserem Team. Wir kennen uns alle sehr gut und sind wie eine Familie. Das war ein Schlüssel zum Erfolg.“ 

Ferner erzielte Marc VDS Racing gleichsam einen historischen Erfolg. „Vor fünfzig Jahren hat BMW den ersten Sieg bei diesem Rennen gefeiert, und nun schließt sich der Kreis mit unserem Triumph“, merkt Leinders an. „Es war eine großartige Woche, und ich möchte mich bei jedem Einzelnen im Team bedanken. Denn jeder Einzelne hat seinen Beitrag dazu geleistet, dies möglich zu machen.“? 

Auch Audi zeigte sich zufrieden. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie anspruchsvoll der Weg von einer Neukonstruktion bis zum zuverlässigen Langstrecken-Rennwagen ist“, meint Kundensportleiter Romolo Liebchen. „Umso schöner, dass der neue Audi R8 LMS in den ersten fünf Monaten seit seiner Vorstellung die beiden härtesten 24-Stunden-Rennen in Europa mit Spitzenergebnissen auf dem Podium beendet hat. Glückwunsch an BMW zum Sieg.“ 

Begünstigt durch den Ausfall bei Marc VDS Racing, rückte zudem Phoenix Racing auf. Somit schwangen sich Christian Mamerow, Christopher Mies und Nicki Thiim in der Gesamtwertung auf und kletterten auf die unterste Podeststufe. An vierter Stelle kreuzten bereits die Pro-Am-Klassensieger die Ziellinie. Pasin Lathouras, Stéphane Lemeret, Gianmaria Bruni und Alessandro Pier Guidi holten für AF Corse und Ferrari die Schale.