Bei der Entwicklung des LMP-Sportwagens scheint Nissan vor allem ein Ziel zu verfolgen: Alles anders machen. Der GT-R LM Nismo hebt sich schon alleine optisch von der Konkurrenz deutlich ab. Aber auch unter der Haube gibt es einige Querwege zu entdecken.
Auf den ersten Blick könnte man über die Optik von Nissans neuestem Sportwagen sagen: Mit vier Rädern sieht der Deltawing eigentlich ganz gut aus. Herausgekommen ist ein aber Gefährt, das ein direkter Nachkomme der Le-Mans-Rennwagen von Don Panoz sein könnte. Marc Gene, der als erster Fahrer vorgestellt wurde, bringt die Sache auf den Punkt: „Man hat den Eindruck, die Nissan-Leute hätten ein anderes Regelbuch gelesen, als die restlichen Hersteller.“
Damit kommen Erinnerungen an die Chaparral-Rennwagen der sechziger Jahre mit ihrer experimentellen Technik oder den Tyrell P34 mit seinen sechs Rädern in der Formel-1 auf. Beiden war gemeinsam, dass sie neue Wege gingen und zunächst belächelt, später bestaunt wurden. Beide waren rückblickend eher erfolgslos, sind aber trotzdem in guter Erinnerung geblieben.
Alles ist anders
Statt den Motor, wie alle anderen Hersteller in das Heck des Wagens zu bauen, entschieden sich die Entwickler von Nissan für eine Front-Motor-Variante. Die tropfenförmige Fahrerkanzel wandert deshalb weit nach hinten. Konsequenterweise treibt der Dreiliter-V6-Doppelturbo-Motor von Cosworth auch die Vorderräder an. Das KERS sammelt seine Energie ebenfalls dort, speichert sie in einem Schwungrad-Speicher und gibt sie bei Bedarf an die Hinterräder ab. Dem Vernehmen nach, kann aber auch die Vorderachse aus demselben Speicher angetrieben werden.
Durch die Einbaulage des Motors ragen die Enden der Abgas-Anlage direkt vor der Windschutzscheibe aus der Karosserie. Nissan macht sich den Coand?-Effekt zunutze, nach dem heiße Gase an einer Oberfläche entlanglaufen und so die Aerodynamik des Fahrzeugs unterstützen. Abgesehen von der tropfenförmigen Fahrerkanzel wirkt der Bolide eher kantig und hohe, geradlinig aufgestellte Kotflügel weisen den Abgasen ihren Weg.
Der Hauptteil der Aerodynamischen Arbeit spielt sich aber im Inneren des Prototyps ab. An beiden Seiten der Fahrerkanzel wird die Luft in großen Tunneln durch den Wagen zum Heck-Diffusor transportiert. Um der Luft einen optimalen Strömungsweg zu ermöglichen, verbauen keinerlei Anbauteile den Weg im Inneren der Tunnel.
Fahrwerksseitig kommen Dämpfer zum Einsatz, die hydraulisch miteinander gekoppelt sind. Die Technik ist schon aus McLaren MP4-12 bekannt. Aber auch im Rennsport gab es ähnliche Systeme. Mitsubishi nutzte die Idee im Dakar-Pajero und Citroen feierte in der WRC große Erfolge mit derselben Technik. Insgesamt haben die Nissan-Ingenieure es geschafft, viel Technik auf engstem Raum unter zu bringen.
Großer Wurf oder Rohrkrepierer?
Nach den Testfahrten in Austin wurde gemunkelt, der neue Herausforderer hätte gerade einmal die Rundenzeiten der LMP2 erreicht. Allerdings war der GT-R dort in der Aerodynamik unterwegs, die für den Kurs in Le Mans mit seinen langen Geraden optimiert ist. Für den COTAS absolut ungeeignet. Die Japaner haben schließlich ein großes Ziel. Den Sieg beim Klassiker an der Sarthe. Man kann deshalb davon ausgehen, dass Nissan beim Saison-Auftakt der WEC in Silverstone keine große Rolle spielen wird und frühestens in Spa eine realistische Einschätzung möglich sein wird.
Zudem könnte das Format der Reifen eine entscheidende Rolle spielen. Während die Pneus an der Vorderachse 14 Zoll breit sind und den Großteil des Gewichtes tragen, messen die Hinterräder grade mal neun Zoll. Viele Fachleute befürchten, dass der Reifenverschleiß die Achillesferse des Projekts sein könnte und bezweifeln, dass Nissan wie die Konkurrenz drei Stints mit einem Reifensatz schafft.
Darüber hinaus gibt auch Ben Bowlby, der als Technik-Chef für die Entwicklung des Boliden verantwortlich zeichnet zu, dass es noch ein Problem gibt, das Mindestgewicht von 880 Kilogramm zu erreichen. Immerhin wiegen der Antrieb und das Energie-Rückgewinnungssystem bereits die Hälfte.
Eines hat Nissan aber schon jetzt geschafft. Mit seinem Mut und dem bisherigen Auftritt hat der japanische Hersteller große Sympathien geerntet. Man ist geneigt zu glauben, dass die Truppe um Bowlby die Probleme löst in Le Mans zumindest für eine Überraschung gut ist. Durch den eingeschlagenen Querfeldeinweg ist der GT-R LM Nismo aber kaum einzuschätzen.

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