Heimsieg für Marc VDS Racing oder WRT? Die SportsCar-Info-Redaktion stellt gegensätzliche Prognosen im Hinblick auf die 24 Stunden von Spa-Francorchamps an. Gewagte Tipps räumen McLaren und Bentley gar die Chance ein, Audi und BMW bei der Machtprobe in den Ardennen zu bezwingen.
Triumphiert abermals einer der etablierten Hersteler aus Süddeutschland bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps? Oder gelingt einem der Konstrukteure aus dem Vereinigten Königreich der Überraschungserfolg? Profitieren Marc VDS Racing und das W Racing Team von ihrem Heimvorteil? Die SportsCar-Info-Redaktion formuliert gegenläufige Prognosen. Einige Autoren trauen McLaren oder Bentley gar den großen Coup zu.
Maximilian Graf: Nein, weder Audi und das W Racing Team, noch BMW und Marc VDS Racing tragen am kommenden Wochenende den Sieg davon. Es ist eine gewagte Prognose, aber: Stattdessen wetteifern zwei Hersteller aus dem Vereinigten Königreich um die Krone bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps. Denn McLaren und Bentley haben fraglos berechtigte Aspirationen, sich die Trophäe die GT3-Machtprobe in den Ardennen zu sichern.
Schließlich taten sich ART Grand Prix und M-Sport im bisherigen Saisonverlauf der BES-Meisterschaft mit Laufsiegen hervor, wohingegen Audi zwar zweimal das Stockerl erklomm, zuweilen aber im Hintergrund agierte. Derweil haderte Marc VDS Racing bereits im vergangenen Jahr mit der Fehleranfälligkeit seines bayrischen Sportwagens und erlitt eine bittere Niederlage. Ein ähnliches Debakel widerfuhr dem belgischen Gespann in dieser Saison beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.
McLaren avanciert dagegen peu à peu zu einem ernstlichen Gegner von Audi, BMW, Porsche und Mercedes-Benz. Aber glückt tatsächlich der Coup gegen das GT-Establishment? Der Rundenrekord im Einzelzeitfahren auf der Nürburgring-Nordschleife garantierte mediale Aufmerksamkeit, im Rennen scheiterte die Einsatzmannschaft von Dörr Motorsport dagegen. Dennoch: Die Charakteristika des Traditionskurses in den Ardennen sind andere als jene in der Eifel. Daher macht ART Grand Prix das Rennen, Bentley muss dagegen noch seine Standfestigkeit innerhalb eines Sonnenumlaufes beweisen.
Und Außenseiter mit Erfolgsaussichten? Keine der Marken aus Süddeutschland auf dem Radar zu haben, wäre töricht. Aber angesichts der kühnen Favoritenanalyse, ist auch der Geheimtipp unkonventionell: TDS Racing. Die französische Pro-Am-Equipe hat dank der Verpflichtung des GT-Talents Nick Catsburg und BMW-Werksfahrer Jens Klingmann zweifelsohne realistische Chancen, unter die besten Zehn zufahren. Und ELMS-Meister Pierre Thieriet sowie Henry Hassid wissen, wie man einen Langstrecken-Wettbewerb beendet.
Daniel Stauche: Audi beweist auch im Jahr 2014, dass die vier Ringe die Macht auf der Langstrecke sind. Nach Siegen in Le Mans und auf dem Nürburgring sind die Ingolstädter für mich auch die großen Favoriten in Spa-Francorchamps. Alle drei Autos der erfahrenen wie professionellen WRT-Mannschaft könnten am Ende ganz oben stehen. Neben dem ausgereiften R8 LMS haben die Belgier starke Fahrerpaarungen. Laurens Vanthoor bekommt die amtierenden Nürburgring-Sieger René Rast und Markus Winkelhock zur Seite gestellt. Außerdem stoßen die Le-Mans-Sieger André Lotterer, Benoît Tréluyer und Marcel Fässler hinzu.
Allerdings hatte Audis Nummer-eins-Mannschaft zuletzt etwas zu kämpfen, während das französische Privatteam Saintéloc Racing deutlich besser zurechtkam. Auch Stéphane Ortelli, Grégory Guilvert und Edward Sandström kommen durchaus für den Sieg in Frage. Jedoch ist dies das einzige Pro-Cup-Auto der Truppe. Ein Fragezeichen sehe ich dagegen bei ISR, denn das Team hat keine Erfahrungen im GT-Bereich, mit Marc Basseng aber einen Piloten an Bord, der dies ausgleichen könnte.
Im Kampf um den Sieg wird sich den Audianern wohl wieder Marc VDS Racing in den Weg stellen. Wie am Ring stellt der BMW-Rennstall zwei bestens besetzte Autos. Die beiden stärksten Teams der laufenden Saison sehe ich in Spa-Francorchamps dagegen nicht ganz vorn. Die McLaren-Sportwagen von ART Grand Prix könnten zwar in der Qualifikation und zu Rennbeginn auftrumpfen, doch 24 Stunden hat noch kein MP4-12C gehalten. Und Bentley hat noch nie diese Distanz absolviert.
Daniel Schnichels: Bentley, McLaren, BMW, Audi und Mercedes-Benz. Bei der diesjährigen Ausgabe des 24-Stunden-Rennens von Spa-Francorchamps ist die Leistungsdichte an der Spitze des Feldes enorm hoch. Diese fünf Hersteller fechten den Sieg in den Ardennen unter sich aus, da bin ich mir sicher. Bentley hat mich in dieser Saison extrem überrascht. Dass der britische Konstrukteur aus dem Stand heraus in der Lage ist, zwei Siege einzufahren, hätte ich wirklich nicht erwartet. Doch bei einem 24-Stunden-Rennen zeigt sich erst, wie konstant ein Fahrzeug ist, denn bisher überzeugte Bentley nur über eine Renndauer von maximal vier Stunden. Hält der Continental GT3, ist der britische Konstrukteur auf jeden Fall ein Kandidat für den Sieg.
McLaren sehe ich als schärfsten Verfolger von Bentley und schätze das Fahrzeug auch als zuverlässiger und erprobter ein. Audi ist immer für einen Sieg gut. Allerdings haben die Ingolstädter mich im letzten Jahr sehr enttäuscht, weshalb Audi in diesem Jahr stärker zurück kommen sollte. Mercedes-Benz ist auch gewohnt stark und mit einem standfesten Fahrzeug unterwegs. Dass der Flügeltürer für Siege gut ist, hat die letztjährige Saison gezeigt. Auch BMW hat, ähnlich wie Audi, noch eine Rechnung mit dem Heimrennen in Spa-Francorchamps offen. Für mich zählt BMW neben Bentley und McLaren zu den Hauptanwärtern auf den Gesamtsieg. Die Besatzung der Startnummer 66 ist ein großer Trumpf. Im Grunde genommen kann sich Marc VDS beim Heimspiel nur selber eliminieren.
Porsche ist in diesem Jahr die große Unbekannte unter den zahlreichen Herstellern. Für mich delegieren die Zuffenhausener allerdings kein siegfähiges Auto in die Ardennen. Lediglich Fach Auto Tech schätze ich als stärkste der vier Porsche-Mannschaften ein und räume ihnen zugleich Außenseiterchancen ein. Unter dem Strich gibt es in diesem Jahr für mich jedoch nur einen Sieger: BMW. Bentley und Audi sollten imstande sein, das Podium zu komplettieren.
Ralf Kieven: 61 GT3-Rennwagen gehen bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps am kommenden Samstag an den Start. Alleine achtzehn davon starten im Pro-Cup an der Spitze des Feldes. Dazu kommt eine nicht geringe Anzahl gut ausgestatteter Pro-Am-Mannschaften, die bei fehlerfreier Fahrt durchaus in Lage sein können, ihre Runden auf den vorderen Positionen zu drehen.
Auf dem Papier haben natürlich die Heimmannschaften von Marc VDS Racing und WRT die Nase ganz weit vorne. Beide sind fahrerisch top besetzt und arbeiten hochprofessionell. Die Audianer von WRT haben zudem die Le-Mans-Siegermannschaft Marcel Fässler, André Lotterer, Benoît Tréluyer in ihren Reihen.
BMW kontert mit den DTM-Stars Maxime Martin und Augusto Farfus. Zudem haben beide Hersteller noch starke Mannschaften in der zweiten Reihe. TDS Racing beispielsweise hat schon im vergangenen Jahr gezeigt, wie man mit einer fehlerfreien Vorstellung ganz weit nach vorne kommt. In diesem Jahr haben die Franzosen ihr Team auf zwei Wagen aufgestockt und sich zudem fahrerisch verbessert.
Mercedes-Benz ist der Dritte im Bunde der Topfavoriten. Sechs Rennwagen mit dem Stern im Kühlergrill wollen den Vorjahressieg wiederholen. Wieder dabei: Die Mercedes-Allzweckwaffe Bernd Schneider und seine letztjährigen Partner Maximilian Buhk und Maximilian Götz. Allerdings wurde das Trio von HTP Motorsport diesmal auf zwei Wagen verteilt.
Schaut man einmal etwas genauer in die Pro-Am-Klasse, fallen auch dort starke Besatzungen auf. Beispielhaft sei hier die AF-Corse-Ferrari-Truppe Andrea Bertolini, Niek Hommerson, Louis Machiels und Marco Cicoci genannt. Hommerson und Machiels kennen Spa äußerst gut und Bertolini gehörte zur Vitaphone-Mannschaft, die das Rennen zur GT1-Zeit dreimal gewinnen konnte. Der Italiener war bei zwei der Siege dabei.
Trotzdem sagt mein Kopf, dass die größten Anwärter auf den Sieg in Spa-Francorchamps in einem BMW von Marc VDS oder in einem Audi von WRT sitzen. Mein Bauchgefühl und meine Zuneigung für Außenseitersiege lassen mich aber einen anderen Tipp wagen. Ich glaube dass Bentley durchaus in der Lage ist, den Klassiker zu gewinnen. Teamintern gebe ich Andrew Meyrick, Guy Smith und Steven Kane die besten Chancen, an die Erfolge der Bentley Boys der späten zwanziger Jahre anzuknüpfen.
Tim Keuler: Mein Tipp auf dem Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps ist Audi. Die Ingolstädter haben schlicht und einfach einen Lauf. In meinen Augen sind die Autos von WRT die Favoriten. Technisch ist der Audi komplett ausgereift und kann in Spa sein hervorragendes aerodynamisches Paket zu seinem Vorteil benutzen. Die Fahrerpaarungen sind auf allen vier Fahrzeugen äußerst konkurrenzfähig, was den Audianern zum besten Gesamtpaket verhilft.
Trotzdem könnten auch die Bentley Boys für eine Überraschung sorgen. Nach bereits zwei Siegen in der Premierensaison scheint das Auto von Beginn an perfekt zu laufen. Mit etwas Glück wird auch hier ein Kampf um die Spitze sicherlich nicht unwahrscheinlich.

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