In der LMP2-Liga der Langstrecken-WM duellieren sich die Einsatzmannschaften der Unternehmen Gazprom, SMP und Millennium. Die Konstellation gleicht einer Wettfahrt der Banken und Konzerne. Doch die enge Verbindung zu Politik und Wirtschaft könnte das Programm einiger Rennställe gefährden.
Wer sich mit der LMP2-Teilnehmerliste der Langstrecken-WM befasst, wird sich des Eindrucks vermutlich nicht erwehren können: Keine Rennställe treten im Prototypen-Unterhaus gegeneinander an, sondern Unternehmen. Der Wettbewerb gleicht schlechterdings einer Wettfahrt der Banken und Konzerne. Die Konstellation in der Klasse für kostenreduzierte Le-Mans-Prototypen bleibt daher nicht unberührt von den Ereignissen in Politik und Wirtschaft.
Ein Kreditinstitut, das sich bereits seit einigen Jahren im Motorsport engagiert: die russische SMP-Bank. Hervorgegangen aus dem Lada-Werksteam von Russian Bears Motorsport, startet SMP Racing in verschiedenen Meisterschaften im Bereich Sportwagen und Langstrecke. Zunächst betreute das Moskauer Gespann den Einsatz etlicher Ferrari-Rennwagen, stieg aber in der vergangenen Saison beim ELMS-Gastspiel auf dem ehemaligen Österreichring in die LMP2-Klasse auf.
SMP Racing fürchtet nun angesichts der jüngsten politischen Ereignisse in der Ukraine Konsequenzen für sein Rennprogramm. Nach dem Putsch in Kiew okkupierte Russland die Halbinsel Krim, woraufhin westliche Staaten mit Wirtschaftssanktionen drohten. Bislang verzichteten die Vereinigten Staaten sowie die Europäischen Union zwar auf solche Maßnahmen, erstellten stattdessen eine Liste mit Kontosperrungen und Einreiseverboten.
SMP-Kritik: EU gebrauche Sport als „Instrument zur Erpressung“
Dennoch schließe SMP Racing eine „inakzeptable Eskalation der Sanktionen seitens der Europäischen Union und der USA“ gegen einige russische Geschäftsleute nicht aus. „SMP Racing steht in keiner Verbindung zu den Ereignissen in der Ukraine und verfolgt keinerlei Interessen im Bereich Politik und Wirtschaft“, bekräftigt der Rennstall in einem Kommuniqué. Es sei ein Versuch seitens der USA und der EU, den Sport als „Instrument zur Erpressung“ zu gebrauchen.
Bereits im März geriet die SMP-Bank in Bredouille, als die Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard vorübergehend ihre Geschäftsbeziehungen mit dem Geldhaus unterbrachen. Ferner sind derzeit Konten einiger russischer Paydriver gesperrt. „Der Gebrauch des Sports als Instrument politischer Kämpfe führt niemals zur Einigung politischer Interessenskonflikte“, kritisiert Teamchef Sergey Zlobin die Beschlüsse und Erwägungen.
Daher appelliert der Kopf der Mannschaft, sich auf den olympischen Gedanken zu besinnen. Es sei ein „unveräußerliches Recht jedes Menschen“, an einem sportlichen Wettbewerb teilzunehmen, festgelegt durch die Olympischen Charta. „Führende Vertreter der USA und der Europäischen Union führen Spekulationen durch, wodurch sie alle positiven Entwicklungen zunichte machen, welche durch die sportliche Kooperation mit unseren europäischen Kollegen erreicht wurden“, moniert Zlobin.
Keine Gefahr für das Gazprom-Engagement im Motorsport?
Derweil könnten die politischen Konflikte auch eine Equipe aus Frankreich erfassen. Denn hinter dem Namen G-Drive Racing verbirgt sich in diesem Jahr die Mannschaft von Oak Racing. Die Benzinmarke der russischen Erdgasfirma unterstützte zuletzt die Fusion aus ADR Racing und Delta Motorsport bei ihren LMP2-Aktivitäten sowie den Start von Phoenix Racing beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.
Wenngleich die EU den Energiekonzern Gazprom bis dato nicht auf ihrer schwarzen Liste führt, beraten sich die Außenminister der Mitgliedsstaaten kommende Woche auf einem Sondergipfel über eine Verschärfung der Sanktionen. Inwieweit jedoch ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Europa und dem Erdgasförderunternehmen besteht, demonstriert die letztjährige Bilanz: Die Importe stiegen um rund 16 Prozent. Ergo dürfte auch das G-Drive-Engagment vorerst nicht gefährdet sein.
Ein weiterer Akteur aus dem Finanzsektor: das in Dubai ansässige Investmentunternehmen Millennium Finance Corporation, welches den Einsatz von Delta Motorsport in der Langstrecken-WM finanziert und zu den führenden Banken in den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört. Tatsächlich bemüht sich Millennium Development allerdings, in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen zu werden. Einzig im Jahr 2008 berichtete das „Handelsblatt“ über eine Kooperation mit der Privatbankengruppe Sal. Oppenheim.
Delta Motorsport und Strakka Racing fehlen beim Auftakt
Gestern vermeldete Delta Motorsport schließlich, seine zwei Oreca-Nissan-Nennungen für den Auftakt in Silverstone zurückzuziehen, da Millennium Schwierigkeiten mit der Finanzierung hat. Die Muttergesellschaft OMD habe Geld auf einem Konto bei einer „bedeutenden Bank“ angelegt, welches wiederum von internationalen Institutionen gesperrt worden sei. Der Gerichtshof in Den Haag genehmigte indes den Zugriff auf das Vermögen. Millennium Finance Corporation war in der Vergangenheit bereits wegen illegaler Finanztransaktionen ins Visier der Behörden geraten.
Doch zum Sportlichen: Beim Auftaktrennen in der Grafschaft Northamptonshire starten folglich vier Sportwagen – zwei Oreca-Prototypen von SMP Racing, ein weiterer des chinesischen KCMG-Rennstalls sowie ein Morgan LMP2 von Oak Racing. Strakka Racing hat wiederum angekündigt, die Etappen in Silverstone und Spa-Francorchamps auszulassen. Die Zusammensetzung der Besatzungen ist zumeist heterogen. Bezahlfahrer wechseln sich am Lenkrad mit professionellen Piloten ab.
Bei SMP Racing fügt sich eine Fahrermannschaft aus Nicolas Minassian, Maurizio Mediani und Teamchef Zlobin zusammen. Das Schwesterfahrzeug steuern Kirill Ladygin, Viktor Shaitar und Anton Ladygin. Für Oak Racing greifen Olivier Pla, Roman Russinow und Julian Canal ins Lenkrad. Matthew Howson, Richard Bradley und Tsuigo Matsuda treten für KCMG an. Beim Prolog in Le Castellet fuhr noch Shinji Nakano für Delta Motorsport die absolute Bestzeit.

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