Streckenporträt: Achterbahnfahrt im Ardennen-Idyll

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Bermudadreieck im Ardenner Wald: Die Straßenroute Spa-Malmedy-Stavelot fungiert seit den zwanziger Jahren als Rundstrecke. Im Laufe der Zeit erlangte der belgische Traditionskurs unter anderem durch die Mutkurve Eau Rouge weltweite Berühmtheit – die Achterbahn von Spa-Francorchamps.

Unweit der deutsch-belgischen Grenze prallen zwei Welten aufeinander. Inmitten des pittoresken Ardennen-Gebirges verbindet ein sieben Kilometer langer Asphaltstreifen den Kurort Spa mit den Ortschaften Malmedy und Stavelot. Die Rede ist von der berühmt-berüchtigten Berg- und Talbahn nahe Francorchamps, welche angesichts einer Höhendifferenz von bis zu hundert Metern und immenser Fliehkräfte den Beinamen „Ardennen-Achterbahn“ trägt.

Adrenalinrausch und Heilquellen, idyllische Hügellandschaft und Wetterkapriolen, Kurven im gemäßigten Tempo und Passagen im Stechschritt – Spa-Francorchamps steht in vielerlei Hinsichten für Gegensätze. Die offizielle Bezeichnung des Traditionskurses im Rheinischen Schiefergebirge lautet „Circuit de Spa-Francorchamps“, dessen Bau Aristokraten aus dem belgischen Kulturzentrum Lüttich Anfang der zwanziger Jahre veranlassten.

Obwohl die Strecke im Osten Belgiens während des letzten Jahrhunderts zahlreichen Umbaumaßnahmen unterzogen wurde, hat die Ardennen-Rennbahn keineswegs an Glanz verloren. Damals wie heute zählt die Dreiecksroute Spa-Malmedy-Stavelot zu den anspruchsvollsten Rennstrecken rund um den Globus und ist nächstes Wochenende Gastgeber des zweiten Wertungslaufes der wiederbelebten Sportwagen-Weltmeisterschaft.

Erste Kurve, erste Herausforderung

Zehn Rechts- und neun Linkskurven sowie siebzig Prozent Vollgasanteil stellen die Reifen auf eine Zerreißprobe, wohingegen sich der Bremsenverschleiß vergleichsweise in Grenzen hält. Gefahren wird im Uhrzeigersinn, im Laufe einer Umrundung werden sieben Kilometer und vier Meter zurückgelegt. Dabei wirken Zentrifugalkräfte, die mehr als dem dreifachen der Erdbeschleunigung entsprechen auf die Piloten.

Eröffnet wird ein Umlauf mit der Spitzkehre La Source am Ende der neuen Start-und-Ziel-Geraden. Scharmützel beim Ansteuern der Haarnadelkurve in der ersten Runde sind keine Seltenheit. Oftmals müssen die Akteure nach dem Start den Notausgang durch die asphaltierte Auslaufzone wählen, um Kollisionen zu vermeiden. Anschließend führt der Weg hinab zur legendären Schicksalskurve Eau Rouge.

Zunächst wird eine linksgekrümmte Senke durchquert, bevor die Fahrt in einem langgezogenen Rechtsstück ins Ungewisse führt. Dabei beträgt die Steigung fast 18 Prozent. Je nach Fahrzeugtyp kann die Passage mit durchgetretenem oder gelupften Gaspedal absolviert werden. Um die Kurvenkombination optimal zu bewältigen, muss der Wagen bereits durch den Rechtsknick in solcher Weise manövriert werden, um in eine Ausgangslage zu gelangen, die ein optimales Beschleunigen aus Radillion ermöglicht.

Höchstgeschwindigkeiten auf der Kemmel-Geraden

Wenn diese Finesse mustergültig glückt, werden entsprechend hohe Geschwindigkeiten auf der langen Kemmel-Geraden erreicht. Jene mündet in die Rechts-links-Kurve Les Combes, welche sich auf dem höchsten Punkt des Geländes befindet. Fortan führt der Weg gen Tal. Es folgt mit Malmedy – benannt nach der nächsten Gemeinde – eine relativ schnelle Rechtskurve, weshalb auf der kurzen Geraden in Richtung Rivage ein ziemlich hohes Tempo erzielt wird.

Auf eine geradliniges Passage abwärts folgt die Parabolika Pouhon, welche ebenfalls ein gewisses Gefälle aufweist. Deshalb werden beim Bremspunkt der Fagnes-Schikane neuerlich eminent hohe Geschwindigkeiten auf dem Tachometer angezeigt. Infolge des verhältnismäßig unbeschwerten Streckenabschnitts Stavelot stellt Blanchimont die nächste Herausforderung dar – eine wahrhaftige Mutkurve, die ein gleichsam gefährlicher Charakter zeichnet.

Ähnlich wie Eau Rouge führt die linksgestauchte Passage förmlich ins Nichts, der Kurvenausgang ist ergo nicht ersichtlich. Zudem hastet der Pilot nach einem Vollgasabschnitt mit Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h auf Blanchimont zu. Auch an dieser Stelle gilt: Die Tretkurbel nach wie vor durchdrücken oder vom Gas gehen? Fehlentscheidungen wurden in der Vergangenheit des Öfteren gnadenlos bestraft. Zu guter Letzt bleibt noch die Bus-Stop-Schikane, bei der es sich seit dem Umbau lediglich um eine Rechts-links-Kombination handelt.

Wer sich keine gravierenden Fehler leistet, kann sich an Bord eines LMP-Renners in ungefähr zwei Minuten um den Traditionskurs zirkeln. Auch am nächsten Wochenende wird diese Marke wieder als Messlatte fungieren. Einzig im Jahr 2010 wurde bis dato in der Qualifikation besagte Schallmauer von 120 Sekunden mehrfach durchbrochen. Peugeot-Schützling Sébastien Bourdais wurde mit einer Bestzeit von 1:57,884 Minuten gemessen. Nichtsdestotrotz waren ihm seine Verfolger dicht auf den Fersen.