Stuck³: Eine Rennfahrerlegende sagt „Servus!“

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Es war sein letztes großes Projekt, das letzte große Rennen, bevor Hans-Joachim Stuck von der großen Bühne des internationalen Motorsports abtritt. Zum Abschied erfüllte sich die Motorsport-Koryphäe seinen größten Wunsch, ein Rennen gemeinsam mit seinen beiden Söhnen.

Hans-Joachim Stuck bestimmte den Motorsport wie nur wenige. Fast alles, was man auf einer Rennstrecke bewegen kann und konnte, wurde von ihm gefahren. Seine Karrierestationen reichen von der DTM über Le Mans bis hin zur Formel 1. In die Wiege gelegt bekam er dieses Talent von seinem Vater, dem „Bergkönig“ Hans Stuck.

Von allen nur „Striezel“ genannt, zog es ihn bereits in Kindestagen hinter das Lenkrad diverser Wagen. Unterrichtet von seinem Vater, gelang ihm schnell der Einstieg in den professionellen Motorsport. Dort schlug er ein, wie eine Granate. Bereits als 19-jähriger gewann er das 24-Stunden-Rennen auf dem legendären Nürburgring. Von dort aus zog es ihn über mehrere Stationen, wie die Formel 2, in die Königsklasse des Motorsports. In den Jahren 1974 bis 79 trat er für diverse Teams ein. Ein Rennsieg gelang ihm nie, doch kann er sich mit zwei Podiumsankünften schmücken.

Mit dem Ausstieg aus der Formel 1 kam „Striezel“ Stucks Karriere weiter in Schwung. Gleich 18-mal zog es den gebürtigen Garmisch-Partenkirchener in den Jahren zwischen 1972 und 1998 nach Le Mans. Dort sollte er zwei seiner größten Erfolge feiern. 1986 und 87 heimste er den Gesamtsieg im Rothmanns Porsche ein.

In derselben Zeit trat Hans-Joachim Stuck in der DTM zwischen 1984 und 1996 für BMW, Audi und Opel an. Im Jahre 1990 holte er für Audi den Meistertitel, insgesamt stand er in seiner DTM-Laufbahn 22 mal auf dem Podium.

Ab dem Jahre 2000 bestritt Stuck diverse Tourenwagen- und Sportwagenrennen, unter anderem in der VLN. Auch in LKW traute sich „Striezel“ auf die Pisten der Welt.

Um seinen Abschied aus dem Motorsport zu zelebrieren, zog es den Familienvater an den Ort seines ersten Erfolges zurück, den Nürburgring, eine Legende, wie er selbst. Die besondere Würze sollten seinem Abschiedsrennen jedoch seine Söhne Johannes (24) und Ferdinand (20) verleihen. Nie zuvor trat der 60-jährige gemeinsam mit beiden Söhnen in einem Rennen auf einem Wagen an. Zu diesem Zweck wurde zum Jahreswechsel das Projekt Stuck³ ins Leben gerufen. Kräftige Unterstützung erhielt die Familie Stuck dabei vom bayrischen Rennstall Reiter Engineering.

Die Stucks ließen sich einen Lamborghini Gallardo LP600 in GT3-Spezifikation anfertigen. Zur Einstimmung durften sich „Striezels“ Söhne bereits im ADAC GT Masters und der VLN austoben. Dies erfolgte mit zwei Rennsiegen recht erfolgreich.

Das große Ziel war es jedoch beim 24-Stunden-Klassiker auf dem Nürburgring anzutreten. Da dem Team die drei Stucks etwas zu wenig erschienen, wurde Verstärkung in Form von Dennis Rostek engagiert. Da dessen Nachname allerdings nicht ganz zum Namen des Projektes passte, wurde er von „Striezel“ kurzerhand in Dennis „Roststuck“ umbenannt.

Der Trainingsauftakt für den unter der Regie von Teamchef Hans Reiter eingesetzten Lamborghini verlief jedoch wechselhaft. Nach Rang 14 im Freien Training wurde es letztendlich doch nur Startplatz 34. Damit hätte das Team eigentlich auch keine blaue Lampe für die Frontscheibe bekommen, die das Überrunden in der Nacht erleichtern soll. Vor Rennbeginn entschied sich die Rennleitung aber dafür Lampen bis Startplatz 36 zu verteilen, wovon auch der Stuck-Lamborghini profitierte.

Den Start in seinem letzten Rennen durfte Hans-Joachim Stuck höchstpersönlich übernehmen. Im Vorfeld wurde der Stuck³-Lamborghini jedoch von einigen als nicht beständig eingestuft. Mehrere Stimmen meinten, dass der Wagen die Nacht nicht überstehen werde. Doch genau dies tat der im oberbayrischen Kirchanschöring gebaute Rennwagen. Er fuhr, abgesehen von einem Elektronikproblem, ohne größere Komplikationen ein unauffälliges Rennen hinter der Spitzengruppe. Man ließ sich durch den harten Kampf an der Rennspitze nicht beeindrucken und fuhr ein eigenes Rennen. Fahrerische Fehler waren ebenfalls Mangelware, auch wenn es für den jüngeren Sohn Ferdinand das erste 24-Stunden-Rennen war, damit auch seine erste Fahrt in der Nacht. Diese Feuertaufe bestand der Stuck-Zögling allerdings mit Bravour und setzte die schnellste Rennrunde aller vier Fahrer. Am Ende des Rennens sprang daher ein respektabler 15. Gesamtplatz heraus.

Augenscheinlich wurde Hans-Joachim Stuck erst nach dem Rennen die Bedeutung dieses Tages bewusst. Nach der Zielankunft seines Lamborghini brach der Neu-Motorsportrentner in Tränen aus, in der Gewissheit sein letztes Rennen beendet zu haben und nun das Volant an die nachfolgenden Generationen weitergereicht zu haben. Jedoch herrschte im Fahrerlager Einigkeit in der Ansicht, dass dies noch längst nicht „Striezels“ letztes Rennen war. Die meisten Fahrerkollegen waren sich sicher, dass die lebende Legende eines Tages auf die Rennstrecke zurückkehren wird. Denn was sind die 24 Stunden auf dem Nürburgring ohne Hans-Joachim Stuck?