Spa-Francorchamps: Fingerübungen auf der Ardennen-Achterbahn

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Der zweite Lauf der Le Mans Series in Spa-Francorchamps ist gleichzeitig das letzte Rennen vor dem Sportwagen-Saisonhöhepunkt an der Sarthe. Berühmt für ihre einmalige Charakteristik, bietet die Ardennen-Achterbahn ein geeignetes Pflaster für die Le-Mans-Generalprobe.

Egal, ob als Schaulustiger oder als Fahrer, es ist immer wieder eine Herzensangelegenheit in die Ardennen zu reisen. Der berüchtigte Asphaltstreifen Circuit de Spa-Francorchamps, welcher sich seinen Weg quer durch die pittoreske Berg- und Tallandschaft bahnt, löst jedes Mal aufs Neue Gänsehaut aus. Bekannt für seine anspruchsvolle Charakteristik, sind spannende und aufregende Rennen auf diesem Kurs vorprogrammiert, insbesondere wenn das letzte Rennen vor den 24 Stunden von Le Mans bestritten wird.

Seit Beginn der Le-Mans-Series-Geschichte ist die 7,004 Kilometer lange Strecke, die in Fachkreisen auch den ehrfürchtigen Namen Ardennen-Achterbahn trägt, im Terminkalender vertreten, was unter anderem auch auf der Traditionsgebundenheit zur diesem Ort beruht. Bereits in 1966 wurde in Spa-Francorchamps das erste 1.000-Kilometer-Rennen ausgetragen, damals noch auf der über 14 Kilometer langen, dreiecksförmigen Variante, die aus öffentlichen Landstraßen zwischen Francorchamps, Blanchimont und Stavelot bestand.

Auch wenn der Kurs heute zahlreiche Umbaumaßnahmen über sich ergehen lassen musste und nur noch die Hälfte der Länge misst, hat er keineswegs seinen Reiz verloren. Seine Kombination aus Bergauf- und Bergabstücken sowie sehr schnellen Kurven, die im Kontrast zu äußerst langsamen Streckenabschnitten stehen, geben ihm seinen einzigartigen Anspruch. Des Weiteren spielt in den Ardennen der Faktor Wetter stets eine wichtige Rolle, denn schlimme Regenfälle sind keine Seltenheit. All diese Komponenten, die sich zu einem beeindruckenden Gesamtbild, das diese Strecke repräsentiert, zusammenfügen, machen diese Strecke so gefährlich wie beliebt bei allen Beteiligten.

Schicksalskurve Eau Rouge

Geht man von der klassischen Start-und-Ziel-Gerade aus, wo sich auch die alten Boxenanlagen befinden, beginnt eine Runde auf dem Circuit de Spa-Francorchamps mit der ersten großen Herausforderung: Eau Rouge. Benannt nach dem nahe liegenden Fluss, zu Deutsch „Rotes Wasser“, gilt sie gemeinsam mit der darauffolgenden Radillion als eine der schwierigsten Kurvenkombinationen im Motorsport.

Die Kurve wird in einem leichten Linksknick in einer Senke angefahren, bevor es in einem langgezogenen Rechtsbogen mit knapp 20 Prozent Steigung hinauf in Richtung Radillion, ein schnelles Linksstück, geht. Diese Kurvenkombination durchfahren Formel-1-Autos mit bis zu 300 km/h, und auch Le-Mans-Sportprototypen erreichen in diesem Bereich sehr hohe Geschwindigkeiten – dabei ist ein Durchfahren dieser Mutkurve ohne zu lupfen nicht ausgeschlossen.

Leider forderte die Kurve in der Vergangenheit ihre Opfer, dem deutschen Rennfahrer Stefan Bellof kostete sie in 1985 sogar das Leben. In Diensten von Walter Brun steuerte Bellof im Rahmen der 1.000 Kilometer von Spa-Francorchamps einen Porsche 956 der Gruppe C. Rundenlang war er seinem Rivalen Jacky Ickx in einem neueren 962 auf den Fersen, aber es gelang ihm nicht, den Porsche-Werksfahrer zu überholen. Der entscheidende Moment war, als Ickx nach La Source auf der Start-und-Ziel-Gerade eine Lücke ließ, wodurch die beiden Fahrzeuge in der Senke von Eau Rouge Seite an Seite fuhren. Obwohl Bellof sich auf der Kurveninnenseite befand, versuchte sein Konkurrent wieder herüber zu ziehen – es kam zur tödlichen Kollision.

Vergleichsweise gering war das Übel, das die Le Mans Series in 2006 erwischte, denn auch die Langstreckenserie ist nicht von dem Kurvenduo Eau-Rouge-Radillion verschont geblieben. In 2006 kam es beim Start des zweiten Meisterschaftslaufes ausgangs Radillion zu einer fatalen Massenkarambolage. Einer der LMP1-Boliden im Mittelfeld krachte in die Mauer, schleuderte zurück auf die Strecke, wobei dieser mit einem seiner LMP2-Mitstreiter kollidierte. Zwei GT-Fahrzeuge konnten anschließend einem weiterem Zusammenprall nicht mehr aus dem Weg gehen. Die vier Betroffenen blieben zerstört auf der Strecke stehen, zogen zwar noch andere Autos mehr oder minder in Mitleidenschaft, welche aber das Rennen fortsetzen konnten. Es folgte nach zwei Runden hinter dem Safety-Car eine halbstündige Rotphase.

Talfahrt zur nächsten Mutkurve

Ist diese heikle erste Passage gemeistert, steht einem als Fahrer eine lange Gerade, namens Kemmel, bevor. Gut 30 Sekunden lang kann hier Vollgas gegeben werden, bevor auf Les Combes angebremst wird. Dort befindet man sich auf dem höchsten Punkt des Geländes, der eine Höhendifferenz von rund 100 Metern zum tiefsten Standort aufweist.

Im Folgenden heißt es, die Kurven Rivage, Pouhon, Fagnes und Stavelot möglichst fehlerfrei hinter sich zu bringen, bevor die nächste Mutkurve – Blanchimont – ansteht. Auch an dieser Stelle müssen sich die Akteure der Frage, ob man vom Gas geht oder nicht, stellen. Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht, da auch dieser endlos in die Länge gezogene Linksbogen mit knapp 300 km/h durchfahren wird.

Ebenso wie die weltberühmte Eau-Rouge-Radillion-Kombination haben sich während Rennen der Le Mans Series auch in Blanchimont bereits dramatische Szenen abgespielt. In 2004 kollidierte Pierre Kaffer in einem der Veloqx-Audi-Cockpits mit einem zu überrundenden GT2-Ferrari, woraufhin der Deutsche die Kontrolle über sein Auto verlor und sich im Abseits der mit Auslaufzonen dünn versehenen Mutkurve wiederfand. Zu allem Übel ging der Audi R8 nach dem Kuss mit der Leitplanke in Flammen auf. Auch in jüngster Vergangenheit endete das Rennen einer der Werks-Peugeot nach einer Kollision mit einem Überrundungsfahrzeug, die aus einem Duell mit Rivale Audi resultierte, in Blanchimont.

Adrenalinkitzel in idyllischer Berglandschaft

Gegensätze ziehen sich an. Diese Redensart passt perfekt zu der Beziehung zwischen dem belgischen Kurs und der idyllischen Landschaft, in welcher der Circuit de Spa-Francorchamps gelegen ist. Die ungefähr 50 Kilometer von Aachen entfernte Strecke liegt nämlich mitten in den Ardennen, dem Westteil des Rheinischen Schiefergebirges.

Außerhalb des Rennstrecke ist das Waldgebirge bekannt für seine unberührte Natur mit einer reichen Fauna und Flora, die sich mit ausgedehnten Laub- und Tannenwäldern in einer hügeligen Landschaft mit strömenden Flüssen schmückt. Darüber hinaus bestehen unzählige Wandermöglichkeiten durch märchenhafte Dörfer in den Tälern.

Die Palette an möglichen Freizeitaktivitäten reicht von Reiten, Klettern und Fahrradtouren bis hin zu Angeln, Kanu- oder Kajakfahren. Kulinarische Höhepunkte können die Ardennen zwar ebenfalls bieten, jedoch beschränkt sich die Ernährung am Rennwochenende vorwiegend auf die belgische Spezialität Pommes frites sowie die ebenfalls belgische Bratwurst „Boudin“, abgerundet mit einem Bier steht dem Genießen des Motorsportereignisses nichts mehr im Wege.

Zeitraffer der 1.000 Kilometer von Spa-Francorchamps

Erstmals wurde in Spa-Francorchamps einen Rennen mit einer Distanz von 1.000 Kilometern in 1966 veranstaltet, welches von Mike Parkes und Ludovico Scarfiotti in einem Ferrari 330P3 gewonnen wurde. In den folgenden Jahren trugen sich Fahrzeuge aus den Reihen von Mirage, Ford, Porsche, Matra-Simca und Alfa Romeo in die Liste der Sieger ein, bis ab 1976 sechs Jahre pausiert wurde. Sieben weitere 1.000-Kilometer-Rennen wurden als Läufe zur Sportwagenweltmeisterschaft während der Gruppe-C-Ära ausgetragen. Zu den Siegern zählten Porsche, Lancia, Jaguar und Sauber-Mercedes.

In 2003 trug die FIA Sportscar Championship, als Vorläufer der Le Mans Series, gemeinsam mit der British GT Championship das erste 1.000-Kilometer-Rennen in Spa-Francorchamps der Neuzeit aus. Jenes gewannen Tom Kristensen und Seji Ara im Audi R8 von Audi Belgium in Kooperation mit Audi Sport Japan.

Das erste Rennen in Spa-Francorchamps über die Distanz von 1.000 Kilometer unter dem Banner der LMS entschieden Johnny Herbert und Jamie Davies am Steuer des Audi R8 von Audi Sport UK Team Veloqx für sich. Die Vorjahressieger stellten den Doppelsieg sicher.

In 2005 siegte unerwartet der Werks-Zytek, pilotiert von John Nielsen, Caspar Elgaard und Hayanari Shimoda vor dem Pescarolo-Judd. In den beiden darauffolgenden Jahren blieben das Langstreckenrennen in den Ardennen fest in französischer Hand. 2006 sicherte sich Pescarolo Sport mit dem Duo Emmanuel Collard/Jean-Christophe Boullion den obersten Platz auf dem Podest. Die letzten vier Jahre wanderte der Pokal ins Peugeot-Lager.